Meldung

3. Februar 2012

Ständige Unruhe und soziale Ungleichheit schaden Kindern

Stress am Arbeitsplatz, aber auch Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlte, arbeitsintensive Jobs wirken sich negativ auf die Entwicklung der Kinder aus


Ev. Zentrum für Beratung in Höchst
Leverkuser Straße 7
65929 Frankfurt
Telefon: 069 - 759367210
Telefax: 069 - 759367211
lebensberatung-hoechst@erv-fb1.de
http://www.beratungszentrum-hoechst.de/

Evangelische Beratungsstellen

Im Eiltempo hetzt so manche Mutter oder mancher Vater aus dem Büro in den Kindergarten, um den Sprössling abzuholen. Danach noch schnell einkaufen, etwas kochen, die Wäsche wartet auch – und dann steht noch ein Termin im Fußballverein auf dem Programm. Mittendrin klingelt das Handy - der Chef. Ein Alltag unter Strom. Diese innere Unruhe übertrage sich sofort auf das Kind, stellt der Kinderpsychiater Michael Winterhoff fest. Da die Eltern dauerhaft unter Druck stehen, fehle dadurch die Voraussetzung für die emotionale Entwicklung der Kinder – mit weitreichenden Folgen. Vor dem Hintergrund dieser Beobachtung empfiehlt Winterhoff in Medienberichten den Eltern, wieder zu innerer Ausgeglichenheit zu kommen, indem sie beispielsweise mindestens fünf Stunden im Wald verbringen. Er hat das Thema in seinem Buch „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ aufgegriffen, da zunehmend mehr Kinder in seine Praxis kamen, die Schwierigkeit hatten ihre Reize zu filtern oder aus Fehlern nicht lernen konnten. Lässt sich aus den Erfahrungen in den evangelischen Beratungsstellen dieser Eindruck bestätigen?
Judith Rosner, Fachleiterin des Bereiches „Familien-, Erziehungs-, und Jugendberatung“ des Evangelischen Zentrums für Beratung in Höchst, berichtet in einem Interview über die neuen Herausforderungen der Familien, die sie wahrnimmt.

Der bekannte Psychotherapeut und Kinder- und Jugendpsychiater Michal Winterhoff vertritt in seinem neuen Buch die These, dass Eltern zunehmend angespannt sind und im so genannten „Katastrophenmodus“ stecken. Dadurch seien sie kaum noch in der Lage, sich in ihr Kind einzufühlen und intuitiv zu handeln. Können Sie diesen Eindruck aus Ihrem Berufsalltag bestätigen?

Judith Rosner: Natürlich kommen Eltern mitunter in extremen Konfliktsituationen und unter sehr großem Druck in die Beratung, aber von Katastrophenmodus zu sprechen, klingt nach einer „Dauereinstellung“. Um sich Gehör zu verschaffen im Dschungel der Literatur und die Verkaufszahlen zu steigern, braucht es scheinbar immer neue reißerische Begriffe, um Eltern zu degradieren. Ich erlebe es im Berufsalltag so, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Menschen zunehmend überfordern und auch als Risikofaktor auch für die psychische Gesundheit zu sehen sind.

Welche Veränderungen nehmen Sie in ihrer Berufspraxis wahr?

Judith Rosner: Ich kann mehrere Veränderungen über mehrere Jahre hinweg beobachten. So nehmen Anfragen von Ratsuchenden im Bereich der Verarbeitung von Trennung und Scheidung stetig zu. Hier gibt es nicht selten dauerhafte Konflikte zwischen den Eltern, so dass die Perspektive der Kinder aus dem Blick gerät. Wir erleben aber auch, dass sich mehr Väter auch aktiv an uns wenden und für die Regelung und Ausgestaltung der Umgangskontakte Beratung möchten.

Wie haben sich die Anliegen der Eltern verändert?

Judith Rosner: Es scheint ein stärkeres Bedürfnis von Seiten der Eltern zu geben, diagnostisch abklären zu lassen, ob ihr Kind noch „normal“ ist. Dies ist sicher eine Ursache für die die Zunahme der Diagnosen gerade auch im Bereich der psychischen Erkrankungen. Manchmal haben wir dann den Eindruck, dass eine Diagnose im psychischen Bereich die Eltern entlastet, gerade im Bereich AD(H)S. Das schafft Distanz und Sachlichkeit, auch wenn sich dadurch das Problem nicht verändert.

Bekommen diese Veränderungen auch Verantwortliche im Bildungs- und Sozialbereich zu spüren?

Judith Rosner: Ja. Fachkräfte aus Schulen oder Kindergärten schicken Familien zunehmend aufgrund von aggressivem Verhalten der Kinder. Auch das Jugendamt überweist mehr Familien an uns.
Oft stecken dahinter Probleme der Eltern, wie Suchtprobleme oder andere psychische Erkrankungen. Auch traumatisierende Erlebnisse, die die Kinder in ihrer Entwicklung gefährden, sind Anlässe für Beratungen.
Umgekehrt ist es dann so, dass Schulverweigerung, Schulabbruch und fehlender Schulabschluss wieder zu familiären Krisen und Perspektivlosigkeit führen. Ein Teufelskreis.

Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen überfordern zunehmend die Menschen aus Ihrer Sicht?

Judith Rosner: Damit meine ich vor allem die Zunahme der sozialen Ungleichheit. Wir wissen aus der Forschung, dass es Familien und Kindern in Gesellschaften besser geht, in denen die Schere zwischen arm und reich nicht so groß ist. Auch die Arbeitssituation vieler Menschen ist prekär, ob das die unsicheren und schlecht bezahlten Arbeitsplätze sind oder die überlangen hoch verdichteten Arbeitszeiten. Es wenden sich zunehmend mehr Menschen an uns, die unter Armutsbedingungen hier leben, mehr als ein Drittel der ratsuchenden Familien bezieht Transferleistungen. Aber auch gering verdienende Eltern leben zum Teil bei hoher Arbeitsbelastung an der Armutsgrenze.
Ich denke dabei nicht nur an die materielle Armut, sondern auch an die psychische und soziale Verarbeitung von Armut. Armut heißt oft auch Mangel Isolation, Langeweile, Unterforderung, Phantasielosigkeit, Abstumpfung als Schutz vor psychischer Überforderung, Bindungsstörung und dem Gefühl der Benachteiligung.
Vielen arbeitslosen Menschen entgleisen Tagesstrukturen, so dass es ihnen schwer fällt, den Kindern Halt zu geben, den sie selbst nicht haben.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Kinder aus?

Judith Rosner: Eine Mutter, die als Verkäuferin bis spät in den Abend und oft auch am Wochenende arbeitet und die Wachzeiten ihrer Kinder nur selten miterlebt, hat natürlich weniger Gelegenheit, die Beziehung zu ihrem Kind entspannt zu gestalten und sich einzufühlen. Gerade bei Alleinerziehenden sind die Kinder häufig allein zu Hause und leiden unter einem „Elterndefizitsyndrom“.

Genauso sind Themen im Kontext von Migration und Flucht in unserer Einrichtung mehr und mehr präsent. Fast 60% der Ratsuchenden, die zu uns kommen, haben einen Migrationshintergrund.

Rita Deschner